Anregende Gegensätze

Aktualisiert: 20. Dez 2019

Sowohl lesend wie schauend habe ich in den letzten Tagen Welten durchwandert.

Nacheinander habe ich die Bücher BALG von Tabea Steiner und DER KAISER VON CHINA von Tilman Rammstedt gelesen. Ersteres schildert schonungslos, ja brutal, das Aufwachsen eines Buben, der von Geburt an aussichtslos kämpft. Erzählt wird in kuren Sätzen, bei denen fast mehr ausgelassen als gesagt wird: Unglückliche Eltern die sich bald trennen, eine mit sich selbst und dem Kind überforderte Mutter, das Dorf und die Schule, an deren Grenze Timon bald stösst – er wird ein Systemsprenger. Nur die Figur des alten Lehrers, der vor Jahren von Frau und Tochter verlassen wurde und dessen Versagen angedeutet bleibt, gibt etwas Hoffnung, für Timon und die Leserin − selten habe ich ein so schonungslos bitteres Buch gelesen. Und dann der ebenso krasse Gegensatz, der Roman von Tilman Rammstedt. Kaum je habe ich ein so witziges und gleichzeitig sehr gekonnt geschriebenes Buch in den Händen gehabt. Der Drive und der Humor sind in der deutschen Literatur von Seltenheitswert! Die Geschichte der fünf inzwischen erwachsenen Geschwister (oder mindestens Halbgeschwister, das bleibt unklar), die bei einem despotischen, sehr eigenwilligen Grossvater aufwachsen, ist schon von der Anlage her schräg. Von den Eltern erfährt man nichts, die haben sich schon lange verabschiedet, eine Grossmutter gibt es auch nicht, resp. wechselnde Gossmütter, die mit dem älter werden des Grossvaters immer jünger werden. Mit der letzten hat dann auch der jüngste Enkel, Keith, eine heftige Affaire. Er ist der Protagonist, er wird von den Geschwistern beauftragt, mit dem Grossvater dessen Wunschreise nach China zu machen. Keith drückt sich, erschwindelt aber eine Chinareise so wunderbar gekonnt, abstrus und witzig, dass ich manchmal laut lachen musste (was mir beim Lesen nicht oft passiert). 2008 wurde der Tilman Rammstedt mit dem Ingeborg Bachmann Preis und dem Klagenfurter Publikumspreis gleichzeitig ausgezeichnet, er hat offenbar sowohl Jury wie Laien mit seinem humorvollen Können für sich gewonnen.













Und gegensätzliche Welten geschaut: Im Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich ist die Holländerin Lily van der Stokker zu Gast. Die 65-jährige hat die grosszügigen Räume locker besetzt mit ihren verspielten, fast kindlich-kitschigen Wandmalereien, oft mit verbalen Botschaften ergänzt. Die Formen sind pop-artig, die Farben aber nicht grell, sondern eher zart. Die Texte sind lustig («help, help, a little old lady here», neben einem gemalten Felsbrocken) ironisch («I am an artwork and I am 3 years old», bei einer rosa Wolke mit zwei himmelblauen Treppenstufen davor) oder auch nur simpel «Hoi». Und alles wird verschwinden nach dem 23. Februar 2020, nicht abgehängt, sondern einfach übermalt, tschüss. Gewöhnungsbedürftig ist sie, diese Kunst – Kunst? Aber Fragen stellt man sich und fröhlich macht das Betrachten. Das sind doch auch Kriterien… Der Gegensatz daneben, bei Hauser & Wirth: Der 82jährige Japaner Takesada Matsutani ist ein alter Meister des «Yohaku». Das ist die Technik des leer oder weiss Lassens in der chinesischen und japanischen Malerei. Die Leerstellen sollen den Ausgleich schaffen zum mit Tinte oder Graphit Gezeichneten, Gemalten. Die Formate einiger der ausgestellten Arbeiten sind gewaltig, zwei Leinwände von 10 x 2.15 Meter die mit dichtestem Graphit bedeckt wurden, was Monate in Anspruch genommen hat. Das Betrachten macht stumm und irgendwie ehrfürchtig, solche Arbeit kann nur in meditativer Versenkung entstehen. Andere Werke sind plastisch, schwarze Wölbungen formen sich aus den Rahmen hinaus, sparsam kommt Farbe dazu. Es gibt viel zu lesen über die Philosophie hinter dieser Arbeit, die natürlich mit dem Zen-Buddhismus zusammenhängt, ich habe vor allem gestaunt. Matsutani war an der Biennale Venedig 2017 und soeben im Centre Pompidou in Paris, toll, dass Hauser & Wirth uns die Möglichkeit gibt, ihn hier zu sehen, leider nur noch bis am 21. Dezember.

Überhaupt, die "Löwenbräukunst", mit den vielen Galerien und Museen am Ort der ehemaligen Brauerei an der Limmatstrasse, ein Gebäudekomplex der so weltstädtisch wirkt und eigentlich ein grossartiges Zentrum für Zeitgenössisches ist, warum nur sind die coolen Hallen häufig so leer, wirken verwaist?