Gottfried Keller – der träumende Realist

Im Zürcher Strauhof ist sein Leben und Werk unter diesem Titel ausgebreitet, vielseitig und vielschichtig. Lesend, hörend, betrachtend lernt man den Dichter und den Menschen Keller kennen. Der Einstieg in die Ausstellung ist schon ein Erlebnis: Der Schauspieler Gottfried Breitfuss liest die «Autobiografische Notiz» Kellers, die dieser 1889 für die Chronik des Kirchgemeinde Neumünster schrieb. Damit kommt er einem ganz nahe, wird lebendig. Im ersten, biografischen Teil wird neu klar, wie wichtig die Kunst für den jungen Mann war, wie sehr er sich abmühte, ein Maler zu werden. Aber schon während dieser Zeit füllt er Notizbücher mit Versen, Geschichten, Gedanken. Wir erfahren seine Entwicklung als Dichter, Denker, Schriftsteller, sein Ausbruch aus der Enge der damaligen Kleinstadt Zürich nach München, Heidelberg, Berlin. Er kommt 1855 mittellos zurück, aber mit dem «Grünen Heinrich» im Gepäck (an Hörstationen werden Ausschnitte daraus gelesen). Bis Keller dann sechs Jahre später zum Staatsschreiber gewählt wird, schlägt er sich als freier Schriftsteller schlecht und recht durch (in dieser Hinsicht hat sich für viele zeitgenössische AutorInnen nichts geändert…). Im 1. Stock des Strauhof geht es dann um einige wichtige Themen seines Lebens: Die unglücklichen Verliebtheiten – schlimm, wie er von einer nach der andern der verehrten Frauen zurückgewiesen wird. Tatsächlich hat er nie eine wirkliche Liebesbeziehung gelebt und doch, das sagt Peter von Matt, wird in Kellers Werk viel geküsst… Weitere Themen sind Träume und Märchen in seinem Schreiben. Ganz spannend die Einschätzungen und Betrachtungen Kellers durch Heutige: Peter Bichsel sehr persönlich, Hildegard Keller literaturwissenschaftlich, Julia Weber mit einem (sehr berechtigt) kritischen Blick auf seine Frauenbilder und eben Peter von Matt mit einem begeisterten Plädoyer über die zeitlose Genialität Kellers – man will ihn unbedingt wieder lesen! Fotos Ausstellungsansicht Zeljko Gataric (bis 26. Mai)