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Architektur als Zukunftslabor: Die Biennale di Architettura in Venedig

Aktualisiert: 2. Juli 2023

Sie regt an zum Denken, Bewundern, Zweifeln, Fragen und nochmals Fragen, diese riesige Ansammlung von Ideen, Konzepten und Installationen an der Architekturbiennale. Die Hälfte der Ausstellung bestreiten kleine, innovative Teams, viele davon aus Westafrika oder der afrikanischen Diaspora. Auffallend ist, wie stark dabei auf altes Wissen indigener Kulturen zurückgegriffen wird. Und das war für uns dann eine der zentralen Fragen: Die kolonialen Strukturen können nicht rückgebaut werden. Wir werden nie wissen, wie die Entwicklung dieser Länder und Städte gewesen wäre ohne westliche Invasion und Kolonialisierung. Wie weit können altes Wissen und Handwerk in der Gegenwart und für die Zukunft wegweisend oder hilfreich sein? Etwas heikel scheint die teilweise fraglose Überhöhung und «Romantisierung» der alten Kulturen und des tradierten Wissens. In Wände aus Lehm eingelassene Tontöpfe, die als Aufbewahrungsgefässe dienen, scheinen zumindest auf den ersten Blick nicht wirklich zukunftsweisend.

Es gibt auch sehr viel Information und auch konkrete Modelle und Pläne. Das Durchwandern des Arsenale ist herausfordernd und anstrengend, für mich oft überfordernd. Aber zum Glück gibt es immer wieder wunderbare Installationen, grosse Kunst in Anknüpfung an Natur und verschiedene Lebensformen. Es ist grundsätzlich ungemein anregend, dass sich die ghanaisch-schottische Kuratorin Lesley Lokko für den Schwerpunkt Afrika entschieden hat.

Die Länderpavillons haben teilweise den Laborbegriff auf- und ernstgenommen. Hier nur ein paar wenige Erwähnungen: Die herausragende Idee von Österreich durfte leider nicht umgesetzt werden. AKT und Hermann Czech wollten die Hälfte des österreichischen Pavillons zum dahinterliegenden Stadtteil Sant’Elena (dem wohl «einheimischsten» Stadtteil Venedigs) öffnen und damit für die Bevölkerung frei zugänglich machen. Diese Verschiebung der Grenze zwischen der Biennale und der Stadt wirft die Frage nach der Verfügungsmacht über Raum auf und der gesellschaftlichen Wirkung von Architektur. Die Bewohner:innen hätten über eine Treppe die Ummauerung des Ausstellungsgeländes der Giardini übersteigen und im Pavillon Quartierveranstaltungen durchführen können. Das Projekt mit dem Titel «Partecipazione» wurde von Venedigs Stadtregierung abgelehnt. Und auch einer der Tiefpunkte der Biennale verantwortet die Stadt: In ihrem eignen Pavillon kann das Publikum einer KI (visualisiert durch eine anime figure) Fragen zur Zukunft Venedigs stellen. Als wir die naheliegende Frage formulierten, was mit Venedig sei, wenn der Meeresspiegel deutlich ansteige, liess uns die KI wissen, dass dank moderner Technik alles gut komme. Als wir dann nach der dystopischen Sichtweise fragten, meinte die KI, dass sie es vorziehe, keine negativen Aussagen zu machen… Korea lädt zu einem digitalen Quiz ein, bei dem die Teilnehmer:innen Stellung beziehen müssen zu Zukunfts- und Verhaltensfragen. Der sinnlichste Pavillon ist die Architekturbibliothek im skandinavischen Pavillon. Er wurde von Sami gestaltet und lädt auf pelzigen Sitzen zum Schauen und Lesen ein. Polen visualisiert in Form von farbigen Röhrensystemen statistische Daten zum Wohnen in verschiedenen Ländern. Die USA widmen ihre Ausstellung der grauslichen Unvergänglichkeit von Plastik. Deutschland ist überzeugend innovativ und zeitgemäss: Tonnenweise Material der letztjährigen Kunstbiennale wurde eingesammelt und katalogisiert (statt aufwendig von der Insel wegtransportiert und entsorgt) und füllt den grossen Pavillon. Bewohner:innen der Giudecca, deren Häuser renoviert werden, können sich dort Material zur Wiederverwertung aussuchen. Die Schweiz scheint uns etwas mutlos, auch wenn die Idee «Nachbarschaft» gut ist: Karin Sander und Philip Ursprung haben die Mauer zwischen dem Schweizer und dem (angebauten) venezolanischen Pavillon abgerissen und wir können direkt vom einen ins andere gehen. Aber das ist es dann schon, und das ist zu wenig. Es gibt keine Interaktion mit den Nachbarn. Die Strategie, dass man nicht immer nur addiert, neu baut, sondern das, was da ist bearbeitet, ist gut. Doch allein mit dem Abbau von Wänden entsteht noch keine Nachbarschaft. Das Projekt bleibt daher reichlich akademisch. Und dann gibt es ja noch die Stadt ausserhalb der Biennale und mensch merkt schnell, dass der globale Toursimus zurück ist. Aber die gewaltigen Kreuzfahrtschiffe sind aus der Lagune verbannt. Immerhin. Und endlich. (Bis 26. November 2023)


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