Die Heldin und die Dichterin

Anne Weber: ANNETTE, EIN HELDINNENEPOS Das Buch – eben kein Roman, sondern ein Epos (gem. Wikipedia erzählende Dichtung) – wurde 2020 mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnet, und das musste sein. Anne Weber lernte Anne Beaumanoir, genannt Annette, als bereits über 90-Jährige kennen und liess sich ihr Leben erzählen. Ein Leben getrieben vom Kampf für Gerechtigkeit, für Menschlichkeit, gegen Unterdrückung und Ausbeutung. In einem Fischerdorf in der Bretagne als einziges Kind von engagierten Kommunisten aufgewachsen, stürzt sie sich bereits als 19-jährige in die Résistance, lernt schnell die harten Regeln des Lebens im Untergrund, im lebensgefährlichen Einsatz gegen die deutschen Besatzer. Ihre erste grosse Liebe, ein deutsch-französischer Jude, wird verraten und umgebracht. Nach dem Krieg studiert sie Medizin, wird eine erfolgreiche Ärztin, heiratet einen liebenswerten Mann und bekommt zwei Kinder. Aber das gute Familien- und Berufsleben im schönen Marseille hält sie nicht, denn das von den Franzosen kolonialisierte Algerien begehrt auf, will Unabhängigkeit. Und jetzt gehört Annette als Französin zu den Unterdrückern und Ausbeutern und das erträgt sie nicht. Mit unglaublichem Elan und Mut wird sie Aktivistin in der FLN, der algerischen Befreiungsfront. Bis sie verhaftet und von der französischen Justiz als Terroristin angeklagt und eingesperrt wird. Kurz vor der Verurteilung gelingt ihr die Flucht aus dem Hausarrest über die Schweiz nach Tunesien, wo sich die spätere algerische Führung auf die Machtübernahme vorbereitet. Sie arbeitet als Ärztin und Gesundheitspolitikerin, ist mit einem Algerier zusammen. 1962, nach acht Jahren schrecklichen Kämpfens und Hunderttausenden von Toten, gibt sich Frankreich geschlagen, Algerien wird unabhängig. Aber das neue Regime ist nicht so, wie sich das die sozialistische und idealistische Annette vorgestellt hat. Das merkt sie bald und stellt sich zweifelnd Fragen: «Werden die Mächtigen des angehenden Landes sich um die grossen Massen scheren? Werden sie seine Reichtümer mit allen teilen wollen? Oder wird es bloss darum gehen, eine Elite von Franzosen durch eine von Algeriern zu ersetzen? Wird diese Unabhängigkeit für die, die Hunger leiden und nicht zur Schule gehen können, überhaupt irgendetwas verändern?» Die Geschichte hat gezeigt:, ihre Zweifel haben sich aufs schlimmste bewahrheitet. Annette kann wegen der drohenden Gefängnisstrafe nicht nach Frankreich. Sie lebt lange Zeit in Genf, erst viele Jahre später wird sie begnadigt und lässt sich in Südfrankreich nieder, wo sie heute, 96-jährig, lebt. Das Leben einer wirklichen Heldin, erzählt in diesem rhythmischen Ton der Verse, die einen mitnehmen und führen und nicht loslassen. Und Anne Weber gelingt das Kunststück, uns ihre Heldin ganz nahe zu bringen und doch immer wieder Distanz zu schaffen, sie und ihr Handeln in Frage zu stellen. Und immer wieder schreibt sie umwerfend humorvoll, zum Beispiel so: …«Wer das Herz auf dem rechten Fleck, also zum Beispiel nicht in der Hose hat, dem gerät auch der Kopf, so leer er sein mag, nicht so schnell aus der rechten Bahn.»