Dystopien: freundlich und furchterregend

KLARA UND DIE S ONNE von Kazuo Ishiguro und DER FALLMEISTER von Christoph Ransmayr


Dystopien sind in der Literatur aktuell. Und ein weites Feld, wie die zwei Bücher zweier grosser Sprachmeister zeigen. Ishiguro zeichnet mit seiner KF (=künstliche Freundin) Klara eine geradezu liebenswerte Roboterfigur. Sie wird der 13-jährigen Josie von ihrer Mutter zur Seite gestellt, damit sie zu dieser werden kann. Denn Josie hat eine kurze Lebenserwartung und falls sie stirbt, so hofft die Mutter, würde Klara sie in der ganzen Persönlichkeit ersetzen. Und Klara lernt schnell, sie ist eine sanfte, hilfsbereite Persönlichkeit und das macht sie für uns Lesende etwas unheimlich, das Gefühlvolle, das so gar nicht mehr künstlich wirkt. Die Gesellschaft, in der Josie lebt, ist geprägt von Optimierung, Leistung ist alles was zählt, zur Elite zu gehören ist der einzige Antrieb im Leben. Die Kinder werden alle zu Hause am Bildschirm unterrichtet, ab und zu gibt es Kontaktmeetings mit Gleichaltrigen. Von denen, die nicht dazugehören, erfährt man etwas durch den Freund von Josie, der, obwohl sehr begabt, kaum Chancen hat, zu den «Optimierten» aufzusteigen. Es gelingt Klara, Josie zu heilen – sie selbst landet auf dem Roboter-Abfall. Der ganze Roman ist in einem fast liebevollen Ton gehalten, der Schrecken schleicht sich aber unter die Haut.

Ganz anders das Szenarium von Ransmayrs Zukunftsbild. Grauenhaft, nur in düsteren Farben gemalt. Europa ist zerfallen in einander total feindselig gegenüberstehenden Kleinstaaten und Grafschaften, elektronisch und mit Stacheldrahtzäunen voneinander getrennt. Die Welt im Zeichen der Trinkwasserknappheit, Süsswasser ist das höchste, teuerste Gut, um das mit allen Mitteln gekämpft wird. Die wichtigsten Menschen sind die Hydrotechniker, sie sind die einzigen, die rund um die Welt fliegen können um Flüsse, Stauseen, Kanäle zu kontrollieren und zu konzipieren. Wir begleiten den namenlosen Ich-Erzähler ein Stück in seinem Leben. Er ist besessen von der Idee, sein Vater sei ein fünffacher Mörder, weil er ein Boot mit Menschen in einen tödlichen Wasserfall schickte, statt in die Fahrrinnen daneben. Seine Mutter musste die Gegend verlassen, weil sie keine Einheimische war, sondern von der adriatischen Küste stammte. Mit seiner Schwester Mira verbindet ihn eine inzestuöse Liebesbeziehung, die sie aber abrupt beendet und die dramatisch ausgeht. Der Mann sucht die Rätsel seiner Familie zu lösen. Das Verbrechen des Vaters, die Beziehung zur Schwester, die Mutter wieder zu sehen. So begleiten wir den Mann auf einem Horrortrip, der allerdings nur möglich ist, weil er zu den Privilegierten gehört. Das gesellschaftlich-klimatische Szenario ist grauenhaft, die Sprache hat eine Ransmayr’sche Komplexität, die einem auch zu viel werden kann.