Ein anstrengendes Meisterwerk
- Margrit Schaller
- vor 12 Minuten
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WAS WIR WISSEN KÖNNEN VON Ian McEwan Ja, McEwan ist mit Recht ein Anwärter auf den Nobelpreis, ja, er ist ein Meistererzähler. Sein neustes Buch aber, zur Hälfte eine Dystopie, ist auch sehr anstrengend. Die Hauptperson im ersten Teil ist Thomas Metcalfe, ein leidenschaftlicher Literaturwissenschaftler, er lebt im 22. Jahrhundert und sein Spezialgebiet ist die (englische) Lyrik von 1990 – 2030. Er weiss von einem Gedicht, dass zu den totalen Leuchten der Lyrik gehören soll, aber verschwunden ist. Vorgetragen wurde es nur ein einziges Mal: Der damals berühmte Dichter Francis Blundy hat es seiner Frau Vivien gewidmet und 2014 an deren Geburtstag vorgetragen, soviel weiss man. Aber das «Kreuzsonett» (googeln!) ist verschwunden, wurde nie gedruckt. Die Gegenwart des Jahres 2119 ist hart. Die Weltbevölkerung ist noch die Hälfte von hundert Jahren davor, der Meeresspiegel ist durch atomare Kriegskatastrophen und extremen Klimawandel so angestiegen, dass England nur noch ein Archipel aus Inseln ist, alles andere unter Wasser, weltweit zahllose Städte überflutet. Deutschland gehört zu Grossrussland, die USA sind bedeutungslos, die Macht ist in afrikanischen Ländern verankert. Das alles wird in wenigen Sätzen geschildert, aber die Suche von Metcalfe nach dem verlorenen Sonett wird über mehr als 200 Seiten – zelebriert. Anstrengende, akademische Endlosschlaufen. Aber dann auch immer wieder faszinierende Gespräche über uns, die Menschen Anfang des 21. Jahrhunderts. Unfassbar scheint 100 Jahre später unsere Sorglosigkeit, ja Dummheit. So viel Wissen war schon da, allein es wurde nicht entsprechend gehandelt. Den Menschen, die 2110 unter sehr eingeschränkten Bedingungen leben, scheinen unsere Lebensbedingungen unfassbar luxuriös. Was Metcalfe schliesslich findet ist nicht das Gedicht, aber die umfangreichen Tagebücher Viviens. Das ist dann der ganze 2. Teil des Romans und hier habe ich McEwan wieder so erlebt wie ich ihn liebe. Raffinierte Erzählstruktur, unerwartete Wendungen der Geschichte und eine berührende Einfühlsamkeit in Menschen. Die Anstrengung hat sich gelohnt.



