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Hass als Tugend

  • Elena Wilhelm
  • 7. Jan.
  • 2 Min. Lesezeit


Ein kleines Buch mit hoffentlich grosser Sprengkraft

Es gibt Texte, die man nicht wegen ihrer Vollständigkeit liest, sondern wegen ihrer Klarheit im richtigen Moment. Der 8. Oktober von Eva Illouz ist genau so ein Text. Ein schmales Büchlein und doch eines, das mitten in eine moralische Schieflage hineinleuchtet, die viele nicht wahrhaben möchten.

Illouz benennt, was nach dem 7. Oktober sichtbar wurde: eine selektive Empathie, die sich moralisch überlegen gibt und dabei blind wird für jüdische Erfahrung, für reale Verletzlichkeit, für Trauer. Ihr Begriff der haine vertueuse – des tugendhaften Hasses – trifft einen Nerv. Er beschreibt keine Randerscheinung, sondern eine diskursive Gewohnheit: moralische Selbstvergewisserung, die Kritik immunisiert und Komplexität ausblendet.

Natürlich: Die theoretischen Bezugnahmen sind verkürzt, die genealogischen Linien zugespitzt, an manchen Stellen auch ungerecht. Wer die Geschichte postkolonialer Theorie, linker Solidaritätsnarrative oder israelischer Politik kennt, wird Einwände haben – und soll sie haben. Dieses Buch ist kein Handbuch, keine abschliessende Theorie, keine ausgewogene Gesamtschau.

Aber genau darin liegt seine Stärke. Illouz liefert Begriffe, Markierungen, Fragen, die weitertragen: Wie wird Moral zur Waffe? Wann kippt Kritik in Entmenschlichung? Welche Opfer zählen – und wer entscheidet das? Was geschieht, wenn politische Deutungsrahmen Empathie hierarchisieren?

Der 8. Oktober ist eine Intervention. Ein Text, der nicht beruhigt, sondern aufstört. Der nicht versöhnt, sondern prüfbar macht, wo unsere moralischen Raster brüchig geworden sind. Gerade weil er angreifbar ist, lädt er zur Weiterarbeit ein: zur genaueren Analyse, zur Differenzierung, zur empirischen und theoretischen Vertiefung.

Man kann – und sollte – Illouz widersprechen. Aber man sollte dieses Büchlein lesen, weil es etwas freilegt, das im akademischen und öffentlichen Diskurs oft unter der Oberfläche bleibt. Ein wichtiger Text zur richtigen Zeit. Ein kleiner Band, der grosse Denkbewegungen auslöst.

 
 
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