Eine irische Meistererzählerin

KLEINE DINGE WIE DIESE von Claire Keegan Höchste Zeit, dass ich Claire Keegan dank dem Hinweis einer Freundin entdeckt habe. Ich wollte diesen schmalen Roman nicht mehr aus der Hand legen, nachdem ich die erste Seite gelesen hatte. Denn schon auf dieser wird der Wintereinbruch mit Kälte und Regen in der kleinen irischen Stadt New Ross so zwingend beschrieben, dass man sofort spürt: Da schreibt eine Meisterin der literarisch verknappten Bilder. Und daraus entsteht ja diese Art von emotionaler Intensität, die ich so liebe, weil sie einen buchstäblich davonträgt in die Welt zwischen den Buchdeckeln (funktioniert auch beim e-reader!). Die Hauptfigur, Bill Furlong, ein rechtschaffener Kohle- und Holzhändler, liebevoller Vater von fünf Töchtern, arbeitet hart, um seine Familie gerade so durchzubringen. Bei einer Lieferung ins Kloster stösst Furlong auf ein im Kohleschopf eingesperrtes Mädchen, frierend, hungrig. Er bringt es ins Kloster und merkt, dass etwas gar nicht stimmt mit der Geschichte, die ihm aufgetischt wird. Denn es gibt im Ort Gerüchte über die dem Kloster angegliederte Magdalenen-Wäscherei: Es würden dort jungen, ledigen Müttern die Kinder weggenommen, sie würden eingesperrt und ausgebeutet. Aber man spricht nicht laut darüber, niemand will genaueres wissen. Furlong aber lässt die Begegnung mit dem Mädchen nicht mehr los. Wie sein Umgang damit, seine Gedanken dazu und schliesslich sein Handeln beschrieben werden, ist tief beeindruckend. Einfach, eindringlich und letztlich ermutigend das zu tun, wozu uns Gewissen Herz und Moral aufrufen… In einer Nachbemerkung schreibt die Autorin einige schockierende Facts zu den Einrichtungen dieser Art in Irland. Die letzte Magdalenen-Wäscherei wurde 1996 geschlossen – ein weiteres himmeltrauriges Kapitel in der Geschichte der Katholischen Kirche.