Landleben im literarischen Fokus

Nun möchte ich auch einen Versuch machen, über meine Leseerfahrungen mit den neuen Büchern zum Landleben zu berichten. Ganz zu Beginn stand ein Artikel im Feuilleton der ZEIT im Januar 2019 von Iris Radisch unter dem Titel «Der Sog der Heimat». Sie spricht darin von einem eigentlichen Umsturz mit der umfassenden Machtergreifung der Städte über das Land. Und das erzeuge «Phantomschmerzen»: Mit dem Verschwinden des einstigen, einfach und ehrlich funktionierenden Landlebens (soefern es das jemals gab) wachse die Sehnsucht nach ebendiesem. Also sie sagt das viel schöner: «Erschöpfte Grossstädter träumen von Lagerfeuer, Stille und Einsamkeit, vom Bäume pflanzen und Gemüse ernten weit draussen, in einer von der kapitalistischen Vernutzung verschonten Landschaft.» Und davon handeln die neuen deutschen Bestseller, zB. ALTES LAND und MITTAGSSTUNDE von Dörte Hansen, NENN MICH NOVEMBER von Kathrin Gerlof (das ich nicht gelesen habe) und natürlich UNTERLEUTEN von Julie Zeh. Iris Radisch argumentiert, das sei «weder erdverbundene Schönschreiberei noch Anti-Idyllen», sondern «sie versuchen eine ländliche Welt im Verschwinden festzuhalten, bevor sie gänzlich in Vergessenheit gerät…» Anfang Mai hat dann der Tages-Anzeiger ein ausführliches Interview gebracht mit Dörte Hansen, deren ALTES LAND sich eine Million Mal verkauft hat. Und ich meine zu Recht. Ein sehr gekonnt geschriebener, unterhaltsamer, spannender und liebevoller Roman, der sich über drei Generationen zieht, jede gezeichnet mit eigenwilligen, schrägen aber durchaus glaubwürdigen Persönlichkeiten. Lesen! Dann MITTAGSSTUNDE, die Geschichte von Brinkebühl, dem in den 60ern flurbereinigten Dorf, was das Ende der traditionellen Landwirtschaft bedeutete und das Leben der Dorfbewohner grundsätzlich verändert. Im Mittelpunkt Ingwer Feddersen, bei den Grosseltern mit der Dorfkneipe aufgewachsen, bringt es zu einer akademischen Karriere und löst sich doch nicht ganz vom Dorf. Mit 50 kehr er zurück, um seine 90jährigen Grosseltern zu begleiten. Und das alte Dorfleben ist nunmehr wie ein Schattenspiel, noch sichtbar für die Alten. UNTERLEUTEN von Julie Zeh ist ein grosser Rundumschlag, da werden alle denkbaren Charaktere die sich heute in einem Dorf in Brandenburg zusammenfinden könnten, im Detail geschildert: eine Investment Firma plant einen riesigen Windpark auf Gebiet, das drei Dorfbewohnern gehört, die ganze Umgebung aber nachhaltig verändern würde. Das zwingt die Bewohner von Unterleuten zu Stellungnahmen und führt zu tiefen Rissen im Dorf. Rivalitäten, Feindschaften, Koalitionen, Hoffnungen und Gier – ein ganzes Universum zeigt sich im dörflichen Raum.