Stokowski lesen! UNTENRUM FREI und DIE LETZTEN TAGE DES PATRIARCHATS

Aktualisiert: 14. Jan 2019

Schon der Titel impliziert, dass die sexuelle Revolution nicht abgeschlossen ist. Margarete Stokowski ist das deutsche Pendent zu Laurie Penny, die beiden sind gleich alt. Die Rezensentin der ZEIT schreibt, untenrum frei sei für den deutschsprachigen Raum ein unendlich wichtiges Buch. Bisweilen hat man beim Lesen das Gefühl, es würden sich neue Synapsen im Gehirn ausbilden… Die zentrale These lautet: Wir können untenrum nicht frei sein, wenn wir obenrum nicht frei sind. Und umgekehrt. Ich hatte mit zwei gescheiten jungen Frauen eine spannende Diskussion darüber. Mir wurde deutlicher als bis anhin bewusst, dass vieles nicht einfach besser, sondern vor allem komplizierter geworden ist. In den 70iger und 80iger Jahren konnten wir Frauen vehement und laut gegen ungefähr alles kämpfen: Gegen die Benachteiligung in vielen Bereichen der Gesetzgebung und der Rechtsprechung, gegen die gesellschaftliche Zweitrangigkeit, die bigotte Moral, gegen eine Sprache, in der Frauen nicht vorkamen und wir Fräulein genannt wurden; wir waren von Selbstbestimmung, Chancen- und Lohngleichheit Lichtjahre entfernt.

Nun ist das anders und in vielen Bereichen sehr viel besser. Aber eben, komplizierter. Ich lese bei Stokowski ein Zitat von Naomi Wolf: In dem Mass, wie es den Frauen gelang, sich vom Kinder-Küche-Kirche-Weiblichkeitswahn frei zu machen, übernahm der Schönheitsmythos dessen Funktion als Instrument sozialer Kontrolle. Das hat sich eher verschärft, findet Stokowski. Und das bestätigen mir die beiden Frauen. Das Aussehen, der perfekte Körper, ist ein ungemein zentrales Thema bei den jungen Frauen, beginnend in der Pubertät. Verbunden mit Selbstquälerei, schlechtem Gewissen, Selbstentwertung usw. Zitat: Wie sollen junge Frauen die Welt regieren, wenn sie ständig damit beschäftigt sind, dem nächsten tigh-gap-challenge hinterherzujagen? Also dem richtigen Abstand zwischen den Oberschenkeln. Zwar sei es für junge Frauen heute auch ok geworden, sich spielerisch zum Sexobjekt zu machen, high heels und sexy Röckchen müssen drin liegen. Stokowski hat diese Grauzonen und Widersprüche alle im Blick. Es ist kompliziert geworden, und es gibt kein Zurück. Kommt damit klar, fordert sie. Und sie hat auch Ideen, die zu den notwendigen Veränderungen beitragen können: Sie nennt es eine Poesie des fuck you, kurz gesagt weniger Missstände weglächeln, sondern klar Stellung beziehen oder verweigern. Stokowski rät auch, zwei Eigenschaften besonders zu kultivieren: Wut und Gelassenheit. Wut braucht es immer wieder, um aktiv zu bleiben und Gelassenheit genau so, um Unwichtiges durzuwinken. Das finde ich einen geradezu weisen Ansatz und ich als Alt-Feministin werde versuchen dran zu bleiben.

Das zweite Buch von Margarete Stokowski DIE LETZTEN TAGE DES PATRIARCHTS versammelt überarbeitete Kolumnen und Essays aus den Jahren 2011 bis 2018. Eine anregende und manchmal aufregende Lektüre, die man in sich gut in Happen zuführen kann und immer wieder überrascht merkt: Ja genau, so ist es und ich hab’s bis jetzt nicht so gecheckt. Stokowski: «Im Grossen und Ganzen versuche ich, da Staub aufzwirbeln, wo es eh schon dreckig ist.»

Am 6. Februar liest und diskutiert Margarete Stokowski im Literaturhaus Zürich