Magie auf dem Julier

Der riesige rote Turm steht auf der Julier Passhöhe wie ein Objekt aus einer andern Welt – der Turmbau zu Babel könnte einem in den Sinn kommen. Ein gewagter, ein monumentaler und durch die vielen, grossen Fenster gleichzeitig leichter Bau, dieser ORIGEN Turm. Aber er ist nicht für die Ewigkeit gedacht – 2017 eingeweiht, wird er im Herbst 2020 wieder abgebaut. Der Turm ist Theater, Konzertraum, eine Tanz- und Opernbühne. Wir haben Mitte Oktober das «Russian Requiem» von Kirill Richter gehört – eine überwältigende Komposition des jungen Russen, ein «musikalisches Mahnmal», das allen Opfern der «grossen Säuberung» unter Stalin gewidmet ist. Millionen von Menschen wurden damals eingekerkert, in Gulags verbannt und kamen nie mehr zurück. Diese Zeit, so Kirill Richter, sei bis heute nicht wirklich aufgearbeitet worden, er reflektiert das Grauen, das auch sein Urgrossvater erlitt, mit seiner Musik. Das 22-köpfige Orchester besteht ausschliesslich aus eher jungen, russischen Musikerinnen und Musikern, Richter selber sitzt am Flügel. Während des Konzerts gleitet der Blick immer wieder hinaus, an die Felswände im sich ändernden Licht, zu den vorbeiziehenden Nebelschwaden, oder hinauf in die schwindelnden Höhen des Turms, der Innenraum ist manchmal blutrot beleuchtet. In jeder Jahreszeit wird der Turm mit einer neuen Inszenierung bespielt – unbedingt noch hingehen, bevor das magische Bauwerk verschwindet! (www.origen.ch)