Analog vom Feinsten, digital vom Neusten…

Ausstellungen in der Fotostiftung und im Fotomuseum Winterthur Die umfassende Ausstellung von Fotos der Reporterin Pia Zanetti (geb. 1943) ist eine Erlebnisreise durch die Welt im 20. Jahrhundert, mehrheitlich in schwarz-weiss. Und das ist zauberhaft und ausdrucksstark. Vor allem aus den 60-er und 70-er Jahren aus Paris, London, aber auch Südafrika, USA oder Indien finden sich Gesichter, Menschen, Strassenszenen, Bewegungen, die einem ungeheuer direkt ansprechen und fesseln. Das gekonnte Spiel mit Licht, Schwärze und Unschärfe zeigt uns Stimmungen, Emotionen, bildet Zeit ab im individuellen Erleben von Menschen. Einmal mehr habe ich den Eindruck, dass mir Gesichter in schwarz-weiss näherkommen, mich direkter anschauen als solche in Farbe. Aber es gibt auch wunderbare Farbfotos, z.B. aus New York 1963 – ein Hammer! (Fotostiftung Schweiz, bis 24.Mai 2021)



Gegenüber, im Fotomuseum, werden wir dann unzimperlich ins 21. Jahrhundert befördert. Eva und Franco Mattes (beide geb. 1976) untersuchen «die Auswirkungen des Internets auf unser Leben und reflektieren, wie vernetzte – online geteilte und zirkulierende – Bilder zunehmend unser privates und soziales Verhalten mitbestimmen.» Zwischen Metallkonstruktionen in denen Kabelbündel von Raum zu Raum geführt werden finden wir Bildschirme zu unterschiedlichen Themenbereichen des digitalen Universums. Am meisten fasziniert hat mich «Emily’s Video». Eva & Franco Mattes hatten in einem online gestreuten Aufruf Leute gesucht, die «das schlimmste Video aller Zeiten», das die beiden im Dark Net gefunden hatten, anschauen möchten. Dies unter der Bedingung, dass sie während des Anschauens selber gefilmt würden. Wir sehen also von diesem schlimmen Video gar nichts, aber die Gesichter derjenigen, die es sehen. Es sind fast ausschliesslich junge Menschen, die meisten sind entsetzt, angewidert, überfordert – schlimm fand ich die Gleichgültigkeit einiger junger Männer. (Fotomuseum Winterthur, bis 24.Mai 2021)