Aus dem dunkelsten Dunkel

Natascha Wodins Geschichte des Vaters Nach dem meisterhaften Werk über die Suche nach Familie und der Herkunft ihrer Mutter «Sie kam aus Mariopul» ist die Autorin im Buch «Irgendwo in diesem Dunkel» vor allem sich selbst, ihrer Jugend und ihrem despotischen Vater auf der Spur. Und diese Spurensuche, diese Erinnerungen, sind stellenweise grauenvoll. Wie der selber vollkommen entwurzelte Vater, unfähig sich auch nur minimal zu integrieren, nach dem Suizid seiner Frau mit der erst 10-Jährigen umgeht, ist fast nicht zu ertragen. Um sie maximal zu zähmen, gibt er sie für fünf Jahre in ein katholisches Internat, wo brutalster Gehorsamszwang herrscht, wenig gelernt, aber sehr viel gebetet und sehr viel geschlagen wird. Als sie zu ihm und der sechs Jahre jüngeren Schwester zurückkehrt, ist er völlig überfordert mit dem pubertierenden, kämpferischen Mädchen. Er sperrt sie tagelang in ihr Zimmer ein und schliesslich aus der Wohnung aus. Sie lebt ein Jahr lang als obdachlose Stadtstreicherin, hungert, stiehlt, erfriert im Winter fast – eine 16-Jährige die eigentlich nur eines will: Ein normales, möglichst deutsches Leben führen, einen Freund haben und die Aussicht, eine Familie gründen zu können und in einem hübschen Haus zu wohnen. Es ist Anfang der 60er Jahre, es ist der gewöhnliche Traum aller Mädchen. Als Erwachsene findet sie dann noch einen Bruder des Vaters in Moskau. Aber auch das bringt kein Licht, keine Erklärungen, keine Erzählungen zu ihrem Vater, der nie über sich und sein Leben spricht. Der Onkel ist so wortlos und verschlossen wie der Vater. Dessen Lebensende zieht sich endlose 15 Jahre hin – nach mehreren Schlaganfällen verbringt er 15 Jahre im Alters- und Pflegeheim, arm, schlecht versorgt, einsam, hinfällig. Und die Tochter, inzwischen Dolmetscherin Russisch/Deutsch und Schriftstellerin, besucht ihn gewissenhaft, trotz allem. Natascha Wodin lässt uns mit unglaublicher Offenheit teilhaben an ihren jungen Jahren, an diesem weitgehend unbekannten Milieu der «heimatlosen Ausländer», vor allem Russen und Ukrainer, und deren Ausgrenzung und weiterhin armseligen Leben nach dem Krieg in Deutschland. Einiges kennt man schon aus dem Buch über die Mutter, aber das macht gar nichts, der Blickwinkel ist ein ganz anderer und der sehr gekonnte Aufbau der Geschichte, der Wechsel der Zeiten, ergibt einen dramatischen Sog. Auch wenn das Buch an die Schmerzgrenze geht: Lesen!