DIE STRASSE – das heisst Armut

Ann Petry schrieb THE STREET 1946. Erst jetzt ist es auf Deutsch erschienen. Zum Glück. Mit einer einzigartigen Sprache der Eindringlichkeit erzählt sie eine kurze Zeit im Leben von Lutie Johnson, einer jungen schwarzen Frau und ihrem 8-jährigen Sohn in Harlem, New York. Lutie trennt sich von Bubb’s Vater, weil der eine andere Frau hat und zieht in eine der winzig kleinen, dunklen, trostlosen Wohnungen an der 116th street. Viertel der Schwarzen, alle arm, alle im Dienste der Weissen oder mafiöser Organisationen. Lutie ist jung, gesund und schön und sie will sich herauskämpfen aus der Armut, mit aller Kraft und mit sehr viel Arbeit. Aber sie will auch integer und selbstbestimmt bleiben und das, so zeigt uns der Roman unerbittlich, geht nicht. Da gibt es die nicht unsympathische Nachbarin Mrs. Hedges, die ein Puff führt und Lutie sofort anstellen würde. Da ist der beschränkte und brutale Hauswart Jones, der Lutie unbedingt will und zu schlimmsten Lügen greift. Da ist der weisse Mafioso Junto und sein schwarzer Unterhändler Boots. Sie alle lernen wir mit ihren Geschichten kennen und tatsächlich ein Stück weit verstehen, wie sie so geworden sind wie sie sind. Ann Petry schreibt sachlich, fast distanziert und meisterhaft zeigt sie auf, wie sich Ausweglosigkeit anfühlt, wie sich der Veränderungswille dreht und dreht, ohne vom Fleck zu kommen, denn die Machtverhältnisse und der Rassismus lassen es nicht zu. Ein weiteres Buch einer schwarzen Autorin, das uns ermöglicht, Lebenswelten von innen kennenzulernen, von denen wir (mindestens bis James Baldwin uns erreichte) nur von aussen wussten.