Enge in der Weite

Das letzte Buch des Amerikaners Kent Haruf UNSERE SEELN BEI NACHT ist posthum erschienen, er starb 2014. Alle seine sechs Romane spielen in derselben (wohl nicht ganz fiktiven) Kleinstadt Holt in Colorado, in den Weiten der Prärie. Nicht die Gegend, die im literarischen Amerika sehr präsent ist. Dafür wohl in der Politik. Ich stelle mir vor, dass hier viele Tea-Party Anhänger leben, auf eine sehr altmodische Art fromm, konservativ, kleinbürgerlich. Doch die Anlage der Geschichte ist aussergewöhnlich: Zwei 70-Jährige, beide verwitwet, nachbarschaftlich bekannt und vertraut, beginnen die Nächte zusammen zu verbringen. Es geht nicht um Sex, nein, es geht darum «die Nacht zu überstehen. Es gemütlich und warm zu haben». Und so machen sie es dann und erzählen sich vor dem Einschlafen ihre Leben. Wie sie ihre Ehe gelebt haben mit Höhen und Tiefen, wie ihre Partner gestorben sind. Er, Louis, erzählt von seiner Affäre, die er vor Jahrzehnten hatte und über die in der Nachbarschaft getratscht worden war. Sie, Addie, vom Tod ihrer Tochter Connie, welcher die Familie nachhaltig erschüttert hat, vom Bruder bis heute nicht überwunden. Und dieser Sohn, der sich grad getrennt hat von seiner Frau, bringt jetzt seinen Buben zur Grossmutter. Addie und Louis nehmen sich auf selbstverständliche, ruhig Art des Kindes an. Aber die gemeinsamen Nächte der beiden machen in der Kleinstadt die Runde und sorgen für böses Gerede. Addies Sohn verlangt schliesslich von seiner Mutter ultimativ, diese Beziehung zu beenden - und sie gehorcht. Sie will den Kontakt zu ihrem Enkel nicht verlieren und zieht in ein Altersheim nach Denver. Es bleiben nächtliche Telefongespräche. Gerne würde man die Geschichte und ihren Verlauf in den 50-er Jahren des letzten Jahrhunderts verorten, so beklemmend eng ist die Stimmung im Ort, mindestens von aussen. Aber sie spielt nicht vor 70 Jahren, sondern heute, in der Enge der amerikanischen Ebenen.