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Filmtipps von der 73. Berlinale

Natürlich sind es immer nur ein paar wenige Filme die mensch an einem Festival sieht, gemessen am riesigen Angebot. Trotzdem ist diese Intensität, diese Dichte von Filmen, resp. Geschichten und Bildern aus der ganzen Welt immer wieder ein faszinierendes Erlebnis. Diese Filme nicht verpassen, wenn sie dann im Kino sind: Der chinesische Familienfilm BAI TA ZHI GUANG / THE SHADOWLESS TOWER begleitet in ruhigen, fliessenden Bildern einen Mann in seiner gewöhnlichen und doch komplexen Lebenssituation. Er ist von seiner Ehefrau getrennt, diese ist schwer erkrankt. Die kleine Tochter lebt bei seiner resoluten Schwester und deren Mann. Er verdient sein Leben als Restaurant–Kritiker, wird von einer jungen Fotografin angemacht und trifft schliesslich nach vielen Jahren seinen Vater wieder, dem ein ungerechtes Urteil das Leben schwergemacht hat. Die Strassen und Häuserszenen des alten Bejing mit dem buddhistischen «Tempel der keinen Schatten wirft» zeigen die Stadt wie wir sie sonst selten sehen.

PAST LIVES, ein US-amerikanischer Film zu Migrationsthematik. Auch dieser lässt uns fein und tief eintauchen in eine gewöhnliche Geschichte: Die 12-jährige Koreanerin Young Na wandert mit ihren Eltern nach Kanada aus, von Seoul nach Toronto. Sie verliert dadurch abrupt den nahen Schulfreund Hae Sung. Zwölf Jahre später, sie heisst jetzt Nora und studiert in New York Dramaturgie, finden sich die beiden auf Facebook und skypen eine Weile intensiv. Schon da zeigt sich eine grosse Qualität des Films: Sogar in den digitalen Gesprächen spüren wir, wie viel sich in den beiden bewegt, was der erneute Kontakt auslöst. Nora beendet diesen Austausch, sie will sich ihrer Karriere widmen. Wieder vergehen zwölf Jahre, sie ist glücklich mit einem jüdischen New Yorker verheiratet und wohnt in einer kleinen Wohnung im East Village. Hae Sung kommt sie besuchen. Wunderschön mitzuerleben, was diese Begegnung auslöst in beiden. Er lebt in Korea und er liebt sie. Sie lebt ein anderes Leben, ist Amerikanerin geworden und spürt diese Verbindung in die alte Heimat und zum Kinderfreund schmerzhaft intensiv. Wie sie sich darüber mit ihrem Mann austauscht und wie er das zu verstehen versucht – das ist wunderbar sensibel und differenziert erzählt. Dialoge wie wir sie leider selten hören. Ein Debutfilm mit vielen autobiographischen Bezügen der Regisseurin Celine Song.

GOLDA, des Israeli Guy Nattiv. Ein Portrait der ehemaligen israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir während der Zeit des Jom Kippur Krieges 1973. Helen Mirren spielt, wie gewohnt, umwerfend. Und die Maske hat ganze Arbeit geleistet - 4 Std. täglich, erzählt sie im Interview. Wir sind ganz nahe bei der Frau, die Entscheidungen von grösster Tragweite fällen muss, es geht um die Existenz Israels. Sehr spannend und emotional geladen – unbedingt anschauen!

DISCO BOY, von Giacomo Abbruzzese, in der Hauptrolle der sagenhafte Franz Rogowski als junger Belarusse Aleksei, der sich illegal durch Europa schlägt, um sich in die Fremdenlegion zu bewerben. Diese lockt mit der französischen Staatsbürgerschaft offenbar noch heute junge Männer an. Nach der brutalen Ausbildung wird er mit ein paar Kollegen ins Nigerdelta geschickt, um dort gekidnappte Franzosen zu befreien. Eine Gruppe engagierter indigener Aktivisten wehrt sich mit diesem Kidnapping gegen die Vereinnahmung ihres Landes durch koloniale Ausbeutung. Bei dieser Aktion tötet Aleksei den Anführer dieser Gruppe. Diese Tat traumatisiert ihn. Zurück in Frankreich – und hier wird der Film fast surreal – trifft er in einer Disco auf die Schwester des Ermordeten und tanzend kommt er ins Leben zurück.

Und ein ganz aussergewöhnliches Filmerlebnis, das es hoffentlich auch ins Kino schafft: THE SUVIVAL OF KINDNESS, des Australiers Rolf de Heer. Die fast wortlos erzählte Geschichte einer «black women», die zum Sterben in der Wüste ausgesetzt wird, sich befreit und auf Wanderung begibt. Im ausgedörrten, verseuchten Land trifft sie auf gewalttätige, hinter Gasmasken versteckte Herrscher und verletze Menschen. Dank der ausdrucksstarken Präsenz der Aborigines Schauspielerin Mwajemi Hussein erhält der Film eine kraftvolle Ruhe. Auch aus der Schweiz kommt ein sehr guter Film: L'AMOUR DU MONDE, der Westschweizerin Jenna Hasse. Die 14-jährige Margeaux macht während der Sommerferien ein Praktikum in einem Kinderheim. Die kleine, sehr rebellische Juliette fordert sie heraus. Sie lernt den Berufsfischer Joël kennen, der soeben aus Indonesien, wo er als Tauchlehrer arbeitete, zurück ist , weil seine Mutter gestorben ist. Ihr Vater, bei dem sie wohnt, ist verliebt in eine neue Frau. Vor der wunderbar sommerheissen Kulisse des Genfersees wird einfühlsam erzählt über das Suchen ganz unterschiedlicher Menschen nach sich und ihrem Platz im Leben.

Es lebe das Kino!!





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