Kein Dort, kein Hier

Ein grossartiger Roman von Tommy Orange

Ich bin über mich selbst irritiert: Das erste Mal lese ich ein Buch von einem Native American, einem Indianer. DORT DORT heisst der packende Debutroman von Tommy Orange, dessen Vater Cheyenne, die Mutter eine Weisse ist. Nicht mal das war mir klar, dass sich die Native Americans auch durch die Hautfarbe abgrenzen von denen, die ihnen fast alles genommen haben: ihr Land, ihre Kultur, eigentlich ihre Existenzberechtigung. Auf English heisst das Buch «There ist no there there», und zitiert damit offenbar Gertrude Stein, die das geschrieben hat, als sie nach langer Abwesenheit wieder nach Oakland kam, das zu einem anderen geworden war; dort war nicht mehr dort. Zwölf Menschen werden porträtiert, abwechselnd lernt man sie kennen, ihre Lebensumstände, die Welt, in der sie oft mehr schlecht als recht zurechtkommen. Manche sind drogen- und oder alkoholabhängig, einige kennen ihre Väter nicht, wurden von der Mutter weggegeben. Immer sind im Hintergrund die Fragen nach der Geschichte, was soll es heissen, heute ein Native zu sein. Die einen sagen es interessiere sie einen Dreck, andere suchen nach Geschichte, Identifikation, Verbundenheit mit mindestens Relikten der Herkunft aus dem Stamm. Eine Geschichte: 1970 besetzten Natives die Gefängnisinsel Alcatratz, es war eine politische Aktion, die junge Jacqui Red Feather wurde vergewaltig und geschwängert, sie gibt ihre Tochter zur Adoption frei und wird zur Alkoholikerin. Ihre zweite Tochter Jamie hat dann drei Söhne und stirbt, als diese noch Kinder sind. Jacquis Schwester Opal nimmt die Jungs zu sich. Sie führt als Postbotin ein halbwegs bürgerliches, einfaches Leben. Von den drei will der älteste, Orvil, seine Herkunft leben und pflegen, er lernt Tanzen und Trommeln. Die Geschichte steuert auf ein Event zu, das Powwow in Oakland, zu dem alle hin wollen, in ganz unterschiedlichen Rollen und Absichten. Das gibt dem Roman neben den spürbar authentischen, mit grosser Sprachkraft gestalteten Lebensgeschichten auch einen spannenden Sog, man ahnt die Katastrophe, zu der es dann am Fest auch kommt. Aber das Buch ist mehr als das, es wirft punktuell Licht auf die «fünfhundertjährige Völkermordkampagne» an den Native Americans. Im Vorwort erklärt uns der Autor auch, was ein «urbaner Indianer» ist, denn «uns in Städte zu bringen sollte der letzte Schritt unserer Assimilierung sein, unserer Absorption, Auslöschung…» Das ist nicht gelungen, Tommy Orange ist ein Beweis dafür.