Lebensfreude verboten
- Margrit Schaller
- vor 5 Stunden
- 2 Min. Lesezeit
DER LETZTE SOMMER DER TAUBEN von Abbas Khider
Noch nie habe ich über das zutiefst menschenfeindliche Regime der Mudschahedin (oder der Taliban, oder dem IS…) aus dieser Perspektive gelesen. Nämlich aus der eines 14-jährigen Jungen, er heisst Noah. Er wächst in einem liberalen Milieu auf und dadurch sind die unglaublichen Verbote und Eingriffe nach der Machtergreifung des Kalifats umso drastischer. Das Café seines Vaters wird geschlossen, die Mutter darf, wie alle Frauen, ab sofort nicht mehr arbeiten, nicht mehr ohne männliche Begleitung das Haus verlassen und nur im Niqab, der nur die Augen fei lässt. Seine Schwester ist schwanger, ihr Ehemann im Gefängnis. Die Handys werden eingezogen, Bücher verboten. Aber noch viel mehr als das: Alles was Spass macht ist verboten - Musik hören, Sport treiben, rumhängen... Die Kontrolle durch die Machthaber ist omnipräsent und grausam. In Noahs Leben gibt es nur noch eine Freude, seine Tauben. Auf dem Dach seines Onkels Ali haust sein Schwarm, er kennt seine Vögel alle genau, verfolgt ihr Kreisen in den Lüften, holt sie zurück und füttert sie. Noahs Eltern unterziehen sich dem Regime notgedrungen, wie fast alle Menschen. Aber sein Onkel Ali will und kann das nicht. Es wird nur angedeutet, wie er sich einer widerständigen Gruppe anschliesst. Das Regime verbietet schliesslich auch das Halten von Tauben – vielleicht sind sie mit ihren Flügen zu stark Symbol von Freiheit. Ali verschwindet. Das schwere Thema wird in bildhafter Leichtigkeit erzählt und gibt dem Erleben des jungen Noah eine starke Glaubhaftigkeit. Das Buch endet mit einer grossen Hoffnung, einer Utopie, an die man angesichts der realen Weltlage kaum glauben kann. Abbas Khider musste als 19-Jähriger aus dem Irak flüchten und lebt seit 2000 in Deutschland.



