Liest sich wie Honigmilch

Aktualisiert: Apr 5

DER GESANG DER FLUSSKREBSE von Delia Owens

Kaum je habe ich ein solches Buch gelesen: Es fliesst köstlich leicht rein, ist spannend, kitschig ohne zu nerven, lehrt viel über Natur und ist auch ein Krimi. Der Prolog beginnt so: «Marschland ist nicht gleich Sumpf. Marschland ist ein Ort des Lichts, wo Gras in Wasser wächst und Wasser in den Himmel fliesst.» Delia Owens ist Zoologin, die Liebe zur Tierwelt hat sie ihrer Protagonistin Kya zum Lebensthema gegeben. Diese wird als 6-Jährige (1952) von Mutter und Geschwistern verlassen, weil sie alle den gewalttätigen Alkoholiker-Vater nicht mehr aushalten. Als dieser auch noch verschwindet, schlägt sich das Kind allein durch, entzieht sich der Schulpflicht und allen amtlichen Versuchen, ihrer habhaft zu werden. Die schäbige Holzhütte der Familie – in der Kya ihr ganzes Leben verbringen wird – steht im unzugänglichen Marschland der Atlantikküste von North Carolina. Das von einem Geflecht von Wasserarmen durchzogene Feuchtgebiet beherbergt eine wunderbare Vielfalt an Vögeln, Fischen, Krabben, Muscheln. Diese Tierwelt hält Kya am Leben, ernährt sich physisch und psychisch. Sie lebt in inniger Beziehung zu Natur und Tieren und sammelt in neugierigem Wissensdrang Federn, Pflanzen, Steine, Muscheln und malt sie mit den Farben, die ihre Mutter zurückgelassen hat. Aber den Umgang mit den Menschen lernt sie nicht, sie bleibt in einer ängstlichen Abwehr ihnen gegenüber, mit wenigen Ausnahmen. Zwei junge Männer bemühen sich um sie, als sie zu einer wilden Schönheit heranwächst. Beide Liebesgeschichten sind Dramen, die eine speist den Krimiplot, der von der ersten bis zur letzten Seite (und es sind immerhin 450) durchhält. Aber ich denke, man würde den Roman auch ohne Krimi-Anteil gerne lesen, so verführerisch ist die Geschichte des verzweifelt einsamen Marschmädchens, das zur gefragten Autorin von illustrierten Fachbüchern zu ihrem Marschland wird. Das Buch ist, kaum zu glauben, das Romandebut von Delia Owens, geboren 1949. Davor hat sie, zusammen mit ihrem Mann, einige Bücher über ihre Forschungen, Reisen und Abenteuer in Afrika, vor allem in der Kalahariwüste und über Elefanten geschrieben.