Sontag – Zypkin – Dostojewski

EIN SOMMER IN BADEN-BADEN von Leonid Zypkin

Um es gleich zu sagen: Dieser Autor (1926-1982) gehört in die Reihe der ganz grossen russischen Literaten des 20. Jahrhunderts. Ein Drama, dass sein Werk zu seinen Lebzeiten in der Sowjetunion nicht veröffentlicht werden durfte. Unmittelbar vor Zypkins Tod wurde eine erste Folge des Romans «Ein Sommer in Baden-Baden» in New York in einer Zeitschrift für russische Emigranten gedruckt. Das und vieles mehr lesen wir im Vorwort von Susan Sontag, sie hat Zypkins Roman «entdeckt», ausgiebig zu Person und Umfeld geforscht und schreibt dazu, dass sie das Buch «zu den schönsten, anregendsten und originellsten literarischen Werken des vergangenen Jahrhunderts zählen würde». In aller Bescheidenheit, sehr einverstanden!

Der Roman besteht aus zwei nahtlos ineinander verwobenen Geschichten: Die des Ich-Erzählers, der in einer Winternacht von Moskau nach Leningrad unterwegs ist und der Reise des Ehepaars Dostojewski nach Europa und ihren Aufenthalt in Baden-Baden. Wir tauchen ein in die Gefühlswelten des spielsüchtigen Fjeda, seine Liebe, Eifersucht und Launenhaftigkeit, in den Kummer und die Fürsorge seiner Frau Anna Grigorjewna. Die beiden wohnen in einer eher ärmlichen Pension und können selbst diese oft nicht bezahlen, wenn Fjeda alles verspielt, in krankhafter Panik die Eheringe versetzen muss, um wieder zu Geld zu kommen und dieses meist erneut zu verlieren beim Spiel. Wie das beschrieben wird ist wohl fast beispiellos: Die Sätze ziehen sich über Seiten hinweg, drehen sich über Höhen und Tiefen, umschliessen verschiedene Zeit- und Themenebenen und manchmal vergisst man fast zu atmen beim Lesen. Susan Sontag nennt es treffend eine «ekstatische Prosa». Im letzten Drittel erfahren wir dann mehr vom Ich, sicher sehr nahe bei Zyprkin selbst. Bei seinem Aufenthalt in Leningrad/Petersburg wohnt er in einer zu Sowjetzeiten üblichen Gemeinschaftswohnung bei einer lieben alten Freundin seiner Mutter und vertieft sich, wohl nicht zum ersten Mal, in die Spuren Fjodor Dostojewskis und fotografiert auf langen Spaziergängen die Häuser, in denen dieser gelebt hat (die Fotos sind auch im Buch). Und er sinniert über Dostojewskis offensichtlichen Antisemitismus. Zypkin ist jüdisch, Arzt, und grübelt darüber nach, weshalb so viele renommierte Literaturwissenschaftler, Juden wie er, trotzdem geradezu leidenschaftliche Verehrer Dostojewskis sind. Ein literarisches Highlight ist auch das Ende des Romans, die Beschreibung des Sterbens von Fjeda, begleitete von Ehefrau und einer Entourage Bekannter und Freunde.