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Venezia – troppo di tutto?

Die 60. Biennale d’Arte Ja, es stimmt, Venedig ist vom Massentoursimus gequält. Aber diese Massen bewegen sich in einem sehr beschränkten Radius und in grossen Teilen der Stadt ist es ziemlich normal. Und auch die «Kunsttourist:innen» sind eine Minderheit. Beim Durchwandern der Giardini und des Arsenale und der zahlreichen Orte in der Stadt wo sich Länder und Künstler:innen präsentieren ist die Dichte nicht grösser als bei jedem andern Kunstevent, z.B. bei Hodler im Kunsthaus Zürich!

Noch nie waren so viele Kunstschaffende an die Biennale eingeladen, wie vom diesjährigen Kurator, dem Brasilianer Adriano Pedrosa - es sind über 300. Und wir kennen fast niemandem, was genau so gedacht ist. Erstaunt und beschämt nehmen wir – endlich – zur Kenntnis, dass auch im globalen Süden schon immer zeitgenössische Kunst geschaffen wurde. Und ein grosser Bogen von indigenem Schaffen ist zu sehen, von den Inuit bis zu den Maoris. Und ja, es ist viel, für mich eigentlich zu viel, was geboten wird unter dem Titel «Stranieri Ovunque - Foreigners Everywhere», was einem begegnet, herausfordert, Fragen stellt, entzückt, graut, ratlos lässt…  Sichtbar viele Künstler:innen sind queer, haben eine Botschaft, teilen sich mit. Neben dem kuratierten Teil stellen rund 50 Länder aus, von Albanien bis Zimbabwe. Die Werke von dort sind sehr schön, kunstvolle Ornamente aus Wegwerfmaterial, unglaublich, wie zauberhaft z.B. zerschnittene Zahnpastatuben wirken können! Darum nur ein paar Beispiele: Der österreichische Pavillon besticht, wie schon vor zwei Jahren, durch künstlerische Vielseitigkeit und klare politische Aussagen in einem. Die aus der Sowjetunion geflüchtete Anna Jermolaewa spannt einen Bogen zwischen ihrer eignen Migrationsgeschichte und der Gegenwart. So können wir die Telefonkabinen benutzen, die in den 80er Jahren im Flüchtlingslager standen, wo sie nach ihrer Ankunft in Österreich zuerst lebte und das Kabeltelefon die einzige Möglichkeit war, ab und zu Familienmitglieder zu erreichen. Und in einem Film sehen wir eine Ballettgruppe, die "Schwanensee" probt. Dieses Ballett wurde früher in Endlosschleife am sowjetischen TV gezeigt, wenn ein hoher Funktionär gestorben war. Jermolaewa sagt: Für mich heisst das heute "Putin muss weg". Polen hat in seinem Pavillon ukrainischen Flüchtlingen eine Stimme gegeben. Allerdings ziemlich extrem. Die Menschen, die vor dem Krieg geflüchtet sind, ahmen Kriegsgeräusche nach: Flugzeuge, Detonationen, Sirenen. Und wir werden aufgefordert, diese Töne nachzuahmen - die Aufforderung bleibt einem im Hals stecken.

Der USA Pavillon wird sehr farbintensiv bespielt mit Figuren und Textilien von Jeffrey Gibson, der ein Cherokee Nachfahre ist. Seine Werke verbinden den Anspruch auf Integration von indigener, queerer, kultureller Vielfalt. Deutschland ist auch dieses Jahr wieder mutig: Der Eingang ist von einem riesigen Erdhaufen zugedeckt, no way to get in, nur durch den Hintereingang. Im Innern durchwandern wir eine stickige, staubige Wohnung aus der DDR der 60er Jahre – Erinnerung an das Leben des Grossvaters des Künstlers Ersan Mondtag, der als türkischer Fremdarbeiter in einer Eternitfabrik arbeitete und an den Folgen der Arbeitsbedingungen starb. Sehr zu Recht mit dem goldenen Löwen ausgezeichnet wurde der Pavillon der Australier, gestaltet von Archie Moore einem Aborigine. Der dunkle Raum umfängt einen mit Stille. Wände und Decken sind mit Schiefer verkleidet und darauf sind mit Kreide die Stammbäume zweier Stämme geschrieben, Tausende von Namen, 65'000 Jahre Geschichte, aufgezeichnete und verlorene. In der Mitte sind unzählige Blätter mit Gerichtsakten über Verfahren gegen Aborigines aufgelegt, über einem schwarzen Wasserbecken. Zu den ästhetischen Highlights gehört sicher die Präsenz der Saudis im Arsenale (auch wenn ich mich ein wenig sträubte): wir gehen durch grosse, blattförmige Skulpturen, die bedruckt sind mit Geschichten über Frauen und mehr Frauenrechte fordern. Lesen können wir es nicht, aber der Ausdruck der textilen Objekte ist sensibel und stark zugleich. Italien besetzt im Arsenale eine riesige Ausstellungshalle und zum ersten Mal fanden wir sie total beeindruckend bespielt: Zu den Klängen von neuer Musik aus liegenden, riesigen Orgelpfeifen wandern wir durch ein labyrinthisches Gerüst oder schauen in einen grossen, leeren Raum. Senegal ist erstmals an der Biennale und auf Anhieb sehr beeindruckend: Ein riesiges Wandgemälde zeigt mit winzigen, kalligrafischen Zeichen gemalte Alltagsszenen und davor liegt ein zerbrochenes Kanu – tut weh und begeistert gleichzeitig. Peru zeigt sich auch faszinierend: Eine 30 Meter lange Rolle lichtempfindlichen Papiers wurde im Regenwald durch Licht, Wasser, Lebewesen zu einem unglaublich schönen schwarz-weiss Fotogramm. Sehr spannend sind ja auch die vielen Ausstellungsorte irgendwo in der Stadt – plötzlich trifft man auf Panama, Kosovo, Nigeria, Benin - immer wieder neue Welten, Ausdrucksformen, Fragen… aber eben, auch überfordernd in dieser Dichte. Da sind grosse Einzelausstellungen fast eine Erholung. Wunderbar sind die Installationen und Figuren von Berlinde de Bruyckere in San Giorgio Maggiore und in der Punta della Dogana haben wir eine grandiose Entdeckung gemacht: Der Franzose Pierre Huyghe zeigt uns menschliche und un-menschliche Wesen in Interaktion, mit seinen Werken tauchen wir in neue künstlerische Dimensionen ein. Also eine wichtige und auch notwendige Biennale – nur punktuell schienen uns die Lektionen überdeutlich. (Bis 24. Nov. 2024)


P.S. Venedig kann auch so sein: 1 Einheimischer und 1 Touristin




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