Wer bestimmt den Kunstraum?
- Elena Wilhelm
- 7. Jan.
- 2 Min. Lesezeit

Zwischen Weihnachten und Neujahr waren wir in Paris und haben uns mit Kunst vollgesogen. Drei Ausstellungen, getragen von millionenschweren Eigentümer:innen globaler Luxusmarken, haben diese Tage besonders geprägt – zwischen Staunen, Konzentration und einer leisen Irritation.
Die Fondation Louis Vuitton zeigt eine grosse Retrospektive von Gerhard Richter – nicht als nostalgische Rückschau, sondern als vibrierendes Feld. Noch bis zum 2. März füllt Richter das Haus mit einer Wucht, die man nicht nur betrachtet, sondern körperlich spürt. Zwischen verschwommenen Foto-Gemälden und monumentalen Abstraktionen öffnet sich ein Raum, in dem Erinnerung und Zweifel, Schönheit und Kälte, Geschichte und Farbrausch zugleich präsent sind. Besonders eindrücklich ist Birkenau: eine Arbeit, in der Richters Ringen mit der Darstellbarkeit von Geschichte eine beklemmende Dichte erreicht.
Die Pinault Collection in der Bourse de Commerce zeigt die Ausstellung Minimal. Sie widmet sich der minimalistischen Kunst und versammelt über hundert bedeutende Werke, die die Vielfalt dieser Bewegung seit den 1960er-Jahren sichtbar machen. Jener Zeit, in der eine ganze Generation von Künstler:innen radikal neue Wege einschlug. Die Ausstellung ist in sieben Themenfelder gegliedert: Licht, Mono-ha, Balance, Oberfläche, Raster, Monochromie und Materialismus. Sie wirkt ruhig, präzise und konzentriert. Die Werke bekommen Zeit und Raum, nichts drängt sich auf. Wir hatten das seltene Gefühl, wirklich in Ruhe schauen zu dürfen. Die Eingangshalle, gestaltet von Meg Webster, ist dabei ein besonderes Erlebnis: In der Rotonde entsteht aus natürlichen Materialien eine begehbare Innenlandschaft, die dazu einlädt, die eigene Beziehung zur Umwelt zu befragen. Seit Jahrzehnten verhandelt Webster in ihren Arbeiten Fragen von Ökologie, Klimawandel und das Paradox zwischen der Bewunderung der Natur und dem menschlichen Wunsch, sie zu kontrollieren – hier mit grosser Selbstverständlichkeit und Kraft.
Die Ausstellung in der Fondation Cartier pour l’art contemporain hat uns am wenigsten überzeugt. Nicht, weil die einzelnen Arbeiten schwach wären – im Gegenteil –, sondern weil das Ganze wie ein zu grosses Sammelsurium wirkte. Zu viele Stimmen, zu wenig Fokussierung. Wir verliessen die Räume eher angeregt als berührt. Auch das ist legitim, doch im Vergleich zu Richter und Pinault fehlten uns die innere Spannung und die kuratorische Klarheit. Vielleicht waren wir zu diesem Zeitpunkt aber auch schlicht schon zu müde, zu gesättigt.
Diese drei Besuche haben eine Ambivalenz deutlich gemacht. Private Institutionen können grossartige, offene und zugängliche Kunsträume schaffen – manchmal sogar überzeugender als öffentliche Häuser. Und doch stellt sich eine Unsicherheit ein: Was bedeutet es, wenn solche Ausstellungen von privaten Akteur:innen kuratiert und getragen werden? Die Chancen liegen auf der Hand: Ressourcen, internationale Leihgaben, eine sorgfältige, oft brillante Präsentation. Ohne private Mittel wäre diese Dichte kaum möglich. Gleichzeitig bleibt die Frage, wer bestimmt, was gezeigt wird, wer Zugang hat – und in welchem Rahmen Kunst heute erlebt wird.
Bald folgt noch mehr Pariser Kunsterfahrung. Und was für eine: Otobong Nkanga im Musée d’Art Moderne de Paris.


























