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Berlinale: Ein Gesamtkunstwerk aus Sápmi, Grönland

  • Elena Wilhelm und Margrit Schaller
  • vor 9 Stunden
  • 2 Min. Lesezeit

ÁRRU von Elle Sofe Sara, Weltpremiere im Zoo Palast


Es gibt Filme, die man ansieht. Und dann gibt es Filme, die man mit dem ganzen Körper erlebt – die eine Frequenz erzeugen, die nicht durch die Ohren geht, sondern durch den Körper. Árru von Elle Sofe Sara ist solch ein Film. Er ist ein Gesamtkunstwerk. In Árru fließen Yoik, Tanz, Körper, arktische Landschaft und kollektives Gedächtnis so selbstverständlich ineinander, dass man nach einer Weile aufhört zu analysieren und anfängt zu empfangen.

Die Geschichte kreist um Maia, die das angestammte Land ihrer Familie vor einem Bergbauprojekt schützen will – und dabei mit dem Auftauchen ihres Onkels Lemme in verdrängte Familientraumata hineingezogen wird. Das ist der narrative Rahmen. Aber er ist nicht der eigentliche Gegenstand des Films. Der eigentliche Gegenstand ist das Innenleben einer Frau, einer Familie, eines Volkes und die Frage, wie Erinnerung im Körper sitzt, schmerzt, trägt und sich Bahn bricht.

Nur eine Choreografin kann das. Elle Sofe Sara denkt nicht in Dialogen, sondern in Räumen und Körpern. Sie weiss, was es bedeutet, wenn zwei Menschen eine bestimmte Distanz zueinander halten. Sie weiss, wie ein zögernder Schritt mehr verrät als ein Monolog. Das Ergebnis ist ein Film, der sich fundamental anders anfühlt als konventionelles Erzählkino.

Der Moment, der uns nicht mehr losliess, ist der Tanz der nackten Ahnen. So zumindest haben wir ihn interpretiert. Es ist eine Sequenz, die Maias Innenwelt körperlich nach aussen kehrt. Nackte, reale, würdevolle Körper. Keine symbolische Verklärung, kein folkloristisches Bild. Die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Innen und Aussen, lösen sich auf. Das ist keine Filmtechnik. Das ist Choreografie, die Überzeugung, dass der Körper das primäre Instrument des Ausdrucks ist.

Und dann ist da der Yoik. Man könnte Árru oberflächlich ein Musical nennen. Aber das Wort wäre eine Verkürzung, fast eine Beleidigung. Das westliche Musical externalisiert Gefühle durch Gesang, wenn Worte nicht mehr reichen. Der Yoik funktioniert anders: Er ist kein Ausbruch. Er ist ein Zustand. Er ist Zustand, Erinnerung, Identität in einem. Wenn in Árru gesungen wird, hält man unwillkürlich den Atem an. Nicht weil es schön ist – obwohl es das ist –, sondern weil man spürt, dass hier etwas Uraltes durch die Gegenwart spricht.

Sara Marielle Gaup Beaska als Maia trägt diese Last mit atemberaubender Präsenz. Aber das gesamte Ensemble spielt mit einer körperlichen Unmittelbarkeit, die man selten erlebt. Das ist bei einer Regisseurin, die aus der Welt des Tanzes kommt, vielleicht keine Überraschung, aber dennoch ein Geschenk.

Árru kommt aus Sápmi, dem einzigen indigenen Kulturraum der Europäischen Union. Aber seine Fragen sind universell: Wie viel schweigen wir, um den Frieden zu wahren? Wann wird Schweigen zur Komplizenschaft? Was kostet es, endlich zu sprechen und was kostet es, weiter zu schweigen? Diese Fragen stellt der Film nicht. Er lässt sie entstehen. Im Körper des Publikums.

Die Berlinale 2026 hat ihren Film. Wenn auch nicht im Wettbewerb, sondern im Panorama. Gar keine Frage: Das wird der Publikumsliebling sein.



 
 
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